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„Die Medien-Branche hat ein Imageproblem“

Sanja Stankovic ist Mitgründerin von Hamburg Startups, Digital-und PR-Strategin und hat selbst mal mit einem Medien-Startup geliebäugelt. Wir haben mit ihr über Medien-Unternehmertum, Startups in ihrer Heimatstadt Hamburg und die Probleme großer Verlage gesprochen.

Sanja Stankovic (Foto: Rieka Anscheit)

Sanja Stankovic (Foto: Rieka Anscheit)

Jouvenir: Du bist eine leidenschaftliche Unterstützerin der Hamburger Startup-Szene und betonst, dass Startups aus der Hansestadt nicht sichtbar genug sind. Warum ist das so?

Sanja Stankovic: Tja, das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen das typische Hamburger Understatement. Soll heißen, man vernachlässigt die Eigen-PR. Und manchmal glaube ich auch, dass einige Journalisten sich nicht die Mühe machen, über den Berliner Tellerrand zu gucken. Aber es passiert was in ganz Deutschland und in den letzten Monaten hat es viel Bewegung gegeben.

Hamburg hat zwar einige Medien-Startups und viele unabhängige journalistische Projekte, aber kaum nennenswerte redaktionelle Startups. Woran liegt das?

Hamburg ist als Medien-Standort eigentlich ein perfekter Standort für ein Medien-Startup, aber auch andere Standort haben schöne Angebote für Medienstartups. Mit dem Greenhouse von Gruner und Jahr und dem Next Media accelerator haben wir jetzt frisch zwei Projekte in der Stadt. Wir dürfen gespannt sein, was daraus wird.

Welche Rolle spielen die Verlage in der Hamburger Startup-Welt?

Die großen Verlage sind Konzerne und somit Dickschiffe, die sich nicht mal eben flexibel auf Dinge einlassen können oder wollen. Verlage machen entweder Investments, um ihr Geld anzulegen und zu vermehren, das kann im Zweifel auch mal Katzenfutter sein. Oder es gibt inhaltlich-strategische Investments, von denen sich der Verlag zum Beispiel Informationen über ein bestimmtes Nutzerverhalten erhofft, die er verwenden kann. Aber je größer ein Unternehmen ist, umso langsamer sind die Prozesse. Ich kenne Fälle, da wollen Startups mit Verlagen zusammenarbeiten und Abstimmungen ziehen sich teilweise über Monate, während das Startup das Projekt innerhalb weniger Wochen umsetzen möchte. Es gibt in Hamburg sogar schon Leute, deren Geschäftsmodell es ist, in solchen Fällen zwischen Verlag und Startup zu vermitteln. Gruner und Jahr geht mit seinem Inkubator für interne und externe Projekte, Greenhouse, da ja einen interessanten Weg. Wenn das so klappt wie geplant, dann könnte das wirklich was ändern.

Wie sind als Unternehmerin und Beobachterin deine Erfahrungen mit Verlagen?

Ich selbst habe sehr positive Erfahrungen gemacht mit Verlagen, wenn es darum ging, über gemeinsame Projekte zu sprechen, aber ich habe von vornherein auch gute Kontakte in die Hamburger Verlage. Ohne ist es für ein Startup sehr schwierig, denn es kann schon mal dauern die richtigen Ansprechpartner zu finden. Die Medienunternehmen sind hier teilweise auch noch sehr zurückhaltend, wenn es um Zusammenarbeit mit Externen geht. Lange Zeit gab es bei den Verlagen eine gewisse Ignoranz, aber der Druck ist jetzt da, sie müssen sich mehr öffnen und ihre Verschlossenheit ablegen.

Was können die Medienunternehmen Hamburgs anders machen?

Für Hamburg würde ich mir wünschen, dass sich die Verlage mehr tummeln, wie es Axel Springer in Berlin tut oder in Hamburg Unternehmen aus anderen Branchen längst machen. Die Verlage hier fangen langsam an, Themen offener anzugehen und experimentierfreudiger zu sein. Ich bin sicher, dass in den nächsten Jahren total viele spannende Sachen kommen werden.

Du berichtest, dass journalistische Medien in der Startup-Szene einen schlechten Ruf haben.

Ich saß letztes Jahr in einer Runde mit einigen Investoren und Business Angels und wir sprachen über Medien-Startups. Da hieß es, die seien total irrelevant, weil nicht skalierbar. Das hat viel mit Unwissenheit zu tun und damit, dass wir noch wenige erfolgreiche Cases in Deutschland vorweisen können. Natürlich gibt es Medien-Startups, die inhaltlich spannend und wirtschaftlich erfolgreich sind und in die zu investieren sich lohnt. Die Branche hat zudem ein Imageproblem. Auf journalistischen Veranstaltungen wird auch manchmal so getan, als sei Geld etwas Schlechtes. Als würde man in dem Moment, wo man eine Idee hat und damit Geld verdient, gleich die Seele des Journalismus verkaufen. Da müssen die Journalisten auch mal locker sein. Natürlich müssen sie wirtschaftlich sein. Das ist ein Stück weit auch eine falsch verstandene Moral. Diesen Graben müsste man mal zuschütten, von beiden Seiten kommend.

Was für ein journalistisches Startup braucht es denn in Hamburg gerade, wo wäre was zu holen?

Der Markt der Media-Agenturen gehört dringend weiter aufgebrochen. Es ist mir ein Rätsel, warum das bislang noch nicht weitreichend geschah. Die Agenturen blocken meiner Meinung nach spannende Entwicklungen im Bereich von Online und vor allem mobiler Werbung und damit weitere Erlösmodelle. Noch verdienen sie nach einer Strukur, die weder den werbetreibenden Unternehmen noch den Medien zu Gute kommt.

Wie ist die Fördersituation für Startups in Hamburg?

In Hamburg als Stadtstaat sind die Fördertöpfe immer kleiner als woanders. Das ist wenig im Vergleich zu Bayern oder Berlin-Brandenburg. Der Innovationsstarter von der Investitions- und Förderbank Hamburg vergibt zum Beispiel durchschnittlich 120.000 Euro an zehn bis fünfzehn Startups im Jahr, allerdings mit einem starken Fokus auf Innovation, die meist eher im sehr technischen Bereich gesehen wird. Die zwei neuen erwähnten Accelerator Programme wollen Medien-Startups unterstützen. Für einige Startups ist das sicherlich spannend, aber sie bilden auch nicht das gesamte Spektrum ab. Fördertöpfe für Medien-Startups gibt es meines Wissens nach nicht.

Ist es dennoch eine gute Zeit, ein Medien-Startup zu gründen?

Ja, wenn man ein Medien-Startup machen möchte, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, weil die Politik an verschiedenen Standorten das für sich gerade als Thema entdeckt und entsprechend fördert. Überhaupt werden überall gerade Inkubatoren mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten aus dem Boden gestampft, die teilweise auch für Medien-Startups relevant sind. Das hat allerdings manchmal was von „Innovations-Washing“.

Soll heißen?

Es ist ein Trend zu beobachten, dass immer mehr Unternehmen einen Accelerator aus dem Boden heben, ohne dass viel dahinter steckt. „Wir machen jetzt auch einen Accelerator“, hört man fast täglich und deshalb muss man auch genau hinschauen. Es kann unheimlich hilfreich sein, in einem Accelerator oder Inkubator zu sitzen. Viele Startups bringt das unglaublich voran. Aber ich höre zunehmend auch von welchen, die gar nichts aus so einem Programm gezogen haben – und im schlimmsten Fall noch Anteile dafür abgeben mussten. Es ist essentiell, dass so ein Programm von Profis aufgesetzt wird und das hinter dem Begriff dann auch ein gut durchdachtes Programm steckt, dass den Gründern hilft, sich weiterzuentwickeln und ihnen neues Netzwerk ermöglicht. Freier Raum und der Stempel Accelerator reichen da nicht aus.

Hast du Tipps für Mediengründer, die für sich ein solches Förderprogramm in Betracht ziehen?

Sucht euch Leute, die in einem Programm waren, redet mit ihnen. Inkubator ist ein Stück weit, was du draus machst. Man sollte sich genau damit beschäftigen, wer dahinter steckt. Was kann mir der Accelerator bieten, was ich woanders nicht bekomme? Steckt Innovation in der DNA des Unternehmens? Ist es ein schwerfälliges Unternehmen? Agieren die wie ein Tanker und brauchen Monate für Entscheidungen? Dann darf man zum Beispiel begründete Zweifel daran haben, ob die wirklich zur Beschleunigung eines Startups beitragen oder sich nur das Innovations-Feigenblatt anheften.

Was ist dein Wunsch für die Hamburger Medienszene 2016?

Ich wünsche mir, dass die Hamburger Verlage sich offener zeigen und sich aktiver einbringen in die Hamburger Szene und die Hamburger Startup- und Medienszene bewusst mit beeinflussen.


Das Interview ist eine überarbeitete Fassung eines Interviews aus dem „Medium Magazin“.

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