Jouvenir-Meetup im Betahaus, Foto: Carolin Neumann (All Rights Reserved)

Innovation durch Inception

Zwei kurze Worte mit nur einer Silbe, nur acht Buchstaben an der Zahl. Ein kleines Wortgespann, das für viel Unbehagen im Journalismus sorgt:

Zeit + Geld

Bei den Jouvenir-Meetups kommt die Sprache immer wieder darauf zurück: Zeitmangel im redaktionellen Alltag oder Geldnot als Selbständige halten als Gründe und/ oder Ausreden her, warum die Einzelnen nicht innovativer sind. Warum sie im Trott verloren sind und sich nicht ausprobieren können. Warum sie als multimediale Talente nur Printwüsten produzieren können.

Wordle zum Jouvenir-Meetup 3

Was die Jouvenir-Meetup-Besucher machen würden, wenn nicht sie selbst oder andere ihnen im Weg stünden.

„Weder Zeit noch Geld kann ich euch heute hier bieten“, war bisher meine Ansage zu Beginn der Meetups, aber vielleicht Inspiration, den inneren Schweinehund zu überwinden. Beim dritten Meetup sind wir einen Schritt weitergegangen:

Die Frage: Wenn es uns an zeitlichem und finanziellem Raum mangelt, um uns auszuprobieren und für uns selbst, unseren Kunden oder Arbeitgeber journalistisch Neues auszuprobieren – wie können wir diese Hürden überwinden?

Die Theorie: Mit Kniffen aus dem professionellen Verhandlungstraining können wir lernen, uns Freiräume für Innovation im Redaktionsalltag zu erkämpfen.

Das Treffen war ein Experiment. Gast im Labor im Betahaus Hamburg war Rechtsanwalt und Coach Matthias Bergmann (Foto unten), der seine Erfahrungen mit großen und kleinen Unternehmen, mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Strategien in einem Crashkurs preisgab und auf jede noch so kleine Frage der Besucher antwortete.

Jouvenir-Meetup im Betahaus, Foto: Carolin Neumann (All Rights Reserved)

Verhandlungstrainer Matthias Bergmann beim Jouvenir-Meetup (Foto: Carolin Neumann, All Rights Reserved)

Ganz aufgegangen ist meine Idee nicht: Matthias‘ Erzählungen waren einfach zu spannend für das journalistische Publikum, um ihn nicht mit Fragen zu löchern, die nichts mit meiner ursprünglichen These zu tun hatten. Begeistert waren die Anwesenden – wie immer eine bunte Mischung aus allen Medienbereichen und angrenzenden Feldern – aber allemal und deswegen verbuche ich das als Erfolg.

Was also können wir tun, um etwa beim Kunden mehr Freiraum für Experimente in einem Projekte zu erlangen oder in der Redaktion einen Wochentag für kreative Arbeit zu erlangen? Die wichtigsten Learnings des Abends:

Inception

Der „Not Invented Here Bias“ zerstört Verhandlungen: Das meint die Voreingenommenheit einer Person gegenüber einer Idee aus dem einfachen Grund, dass jemand anders sie hatte statt man selbst. Ein Meetup-Besucher brachte ein Beispiel mit, das sehr klassisch für die heutige Medienlandschaft ist und gut zur Veranschaulichung dient: Seine Redakteure, die sich zum Beispiel gegen Twitter sträuben, möchte er zu mehr Crossmedialität ermutigen. Die digitalskeptischen Kollegen bringen das vermeintliche Totschlagargument „Zeit“, ihnen erschließt sich der Sinn nicht, sie weigern sich. Matthias Bergmann rät für diesen Fall, er solle den Mitarbeitern das Gefühl geben, eine Idee selbst gehabt zu haben. Wenn man bereits mit einer klaren Vorgabe rangehe, komme es zu gerade erwähnter Voreingenommenheit. Es gilt, sich ihnen unter anderen Voraussetzungen zu nähern, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, herauszufinden, bei welchen positiven Gefühlen man sie abholen kann. Kleine Schritte anstatt zu versuchen, alles top-down auf den Kopf zu stellen.

Mein Freund verglich das kürzlich mit dem Prozess der Inception aus dem gleichnamigen Film, also quasi: Es gilt, die Gedankenwelt des anderen so zu infiltrieren, bis man den Dreh raus hat, um eine Idee an der richtigen Stelle einzupflanzen, so dass derjenige glaubt, er habe sie selbst gehabt. Wichtige Fähigkeiten, um diese Inception zu lernen: die richtigen Hinweise fallen lassen, Vertrauen aufbauen, etwaiges Schweigen aushalten und geduldig warten, bis das Gegenüber die erwünschte Antwort selbst ausspricht.

Das Umgehen des „Not Invented Here Bias“ auf diese Weise sei kein Trick, der immer funktioniert, warnte Matthias Bergmann am Jouvenir-Abend in typischer Das-kommt-darauf-an-Anwalts-Manier. Und eine spannende Rückfrage blieb etwas unbeantwortet – und mir im Kopf: Was, wenn der Entscheidungsträger auf die falsche Idee kommt?

Vorbereitung ist alles

Bei einer Verhandlung kann es nicht darum gehen, einfach auf seinem Standpunkt zu beharren. Wer sich in eine Verhandlungssituation begibt, sollte bestens vorbereitet sein. Matthias Bergmann rät: Alle möglichen Alternativen erst mal ohne Wertung aufschreiben, d.h. auch „Kündigen“ wäre auf einer solchen Liste vertreten. Dann gilt es, die Alternativen zu priorisieren und vor allem seinen BATNA suchen, die äußerste noch vertretbare Alternative zum eigenen Optimalziel – z.B. „Kündigen“, wenn man bereit ist, so weit zu gehen. Ein Plan B und letztlich auch ein klar definiertes „BATNA“ helfen, dass man in einer Verhandlung nicht ausgeliefert ist.

Die Zeit kontrollieren

Wer die Zeit kontrolliert, kontrolliert die Verhandlung. Wer verhandelt, weiß, wer das Gegenüber ist und worauf er oder sie wert legt und häufig sei Zeit „für Vorgesetzte ein Killer“. Matthias rät, in einer Verhandlung zu vermitteln, dass man es schätzt, dass sich z.B. die Vorgesetzte Zeit nimmt.

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